Jetzt habe ich ja schon etliche Lehrtage im Schloß hinter mir, dachte ich vor mich hin. Ich bin gespannt, was der Ludwig mich heute lehrt. Kaum hatte ich das ausgedacht, schwebte Ludwig schon durch die Schlossmauer. „Guten Morgen Fridolin“, sagte er mit müder Stimme. „Ich habe heute kein Auge zugemacht und hungrig bin ich auch. Ich dachte mir, heute ist es Zeit, dass Du lernst, wie ein Lehrling Essen besorgt.“ Hmmm, das mit dem Essen klingt ja gut, doch wie besorgt ein Geist Essen. Ich fragte Ludwig: „Lieber Ludwig, wie soll das denn gehen? Ich kann doch nicht einfach mitten in der Nacht in ein Restaurant und sagen, ich bin der Fridolin, Schlossgespenst-Lehrling, geben Sie mir was zu Essen.“ Ich sah Ludwig etwas entgeistert an (das können wir Geister sehr gut) und er meinte lachend: „Ach Fridolin, Du mußt noch so viel lernen. Glaubst Du etwa, wir sind die einzigen Geister in Friedberg? Es gibt hier einige Gewölbekeller, in den Geister wohnen oder sogar arbeiten. Ein Restaurant hier in unserem schönen Friedberg hat einen Gewölbekeller und tolles italienisches Essen. Ich liebe italienisches Essen“, meinte Ludwig und rieb sich seinen dicken Geisterbauch. Er fügte hinzu: „Luigi, mein italienischer Cousin arbeitet dort als Mitternachtskoch und zaubert die besten Spaghetti. Außerdem hat er einen fantastischen Wein. Du warst so fleißig diese Woche, komm lass uns heute fein essen.“ Er reichte mir eine kleine Silberkette, denn Ketten sind die Geisterwährung. „Also hole uns 2 x Spaghetti mit viel Tomatensoße und bring uns auch 2 x einen schönen Rotwein mit. Sei vorsichtig, dass du nichts verschüttest.“
Also machte ich mich auf den Weg zu dem Restaurant im Gewölbekeller. Die Türe war zwar geschlossen, störte mich aber nicht. Ich schwebte durch die Wand und da stand ein kleiner, dicker brauner Geist vor mir mit einer weißen Schürze, roten Backen und langen zotteligen braunen Haaren, die unter einer weißen Kochmütze hervorquollen. Ich hatte noch nie ein braunes Gespenst gesehen und starrte ihn verwundert an. Er meinte: „Guckst du, weil ich bin dunkelbraun ? Koch du mal viele Spaghetti mit Soße, dann du auch besser bist braun, nicht weiß“
Er begrüßte mich auch mit den Worten: „hallo amici, du sein wohl Fridhoflin, die neie Helfer von Luigi? Hä?“ Uups dachte ich und sagte: „Ich heiße Fridolin, nicht Fridhoflin und wer um Himmels Willen ist Luigi?“ „Luigi ist meine Freind und Cousin seit ville, ville Jahre und du kommst zu holen mangare?“ Ich dachte, das mit dem Essen holen ist nicht ganz einfach und fragte: „und wer ist dieser mangare?“ „Das ist Essen, du kleine Gespenst. Mußt du lernen so sehr vill. Ich weiß, dass du bringen sollst due Spaghetti und due vino rosso, pronto!“ Ich reichte ihm die kleine Silberkette als Bezahlung. Ich sollte besser einfach nur noch auf das Essen warten und nichts mehr sagen. Ich verstand ihn eh nicht.
Luigi drückte mir eine Tüte mit den Spaghetti in den einen Arm und einen Krug mit Wein in den andere. Er verabschiedete sich mit : Ciau amici und meinte: „Grusse an meine Freind und Cousin Luigi!“ ich nickte und verabschiedete mich freundlich.
Ich machte mich schnell schwebend zurück auf den Weg zum Schloss, doch der Weinkrug war so vollgeschenkt, das auch bei ganz vorsichtigem Schweben ein bißchen von dem Wein überschwappte. Na ja, dachte ich, vielleicht trinke ich besser ein Schlückchen ab, sonst läuft mir der Wein noch über mein weißes Geisterfell. Ich trank ein bißchen ab und schwebte weiter. Hmmm, das reichte noch
nicht und ich nahm noch einen Schluck. Das machte ich noch 2 x und dann war ich erfolgreich und der Wein blieb im Krug. Ich schwebte beschwingt Richtung Schloß und Ludwig wartete schon.
Er nahm mir die Spaghetti und den Krug ab und stellte beides auf den Tisch im Gewölbezimmer. Er sah mich prüfend an, da ich gerade mit einem Schluckauf kämpfte. Irgendwie war es mir auch leicht schwindelig. Naja, nach dem Essen würde das sicher besser, dachte ich. Ludwig schaute prüfend in den Krug und meinte: „Heute hat Luigi aber schlecht eingeschenkt“ und schüttelte den Kopf. Er stellte mir einen kleinen Krug mit wenig Wein auf meinen Platz und schob mir einen Teller mit Spaghetti rüber. Ich hatte bisher noch nie Spaghetti gegessen. Geister essen mit den Händen.
Da stand der Teller mit den Spaghetti und ganz viel roter Soße vor mir, die Nudeln dampften noch und ich wußte nicht, wie ich die Dinger aus dem Teller bekommen sollte. Wir wünschten uns einen guten Appetit und Ich schaute zu Ludwig und beobachtete, wie er mit seiner rechten Geisterhand ein paar Spaghetti drehte und sie dann regelrecht wie lange Wollfäden zum Mund führte und sie einsog. Hmm, das probiere ich auch, dachte ich mir. Also drehte ich auch mit meiner rechten Hand Spaghetti. Irgendwie waren es jedoch zu viele und ich versuchte sie abzuschütteln, was aber durch die Soße sehr schwer war. Ein etwas zu starkes Schütteln brachte zwar den Erfolg, dass sich die Spaghetti von meiner Hand lösten aber ich sie mir mitten im Gesicht landeten.
Ludwig sah mich an und lachte lauthals los. Ich strich mir die Nudeln aus dem Gesicht, allerdings klebten sie überall an mir und die rote Soße verteilte sich über mein Gesicht und meinen Bauch. Ich höre schon das Geräusch des Waschkastens. Ich glaube, ich esse keine Spaghetti mehr und Wein trinke ich auch nicht mehr, denn mein Kopf tat mir weh. Ludwig meinte: „Ach kleiner Fridolin, das macht doch nichts. Man muß alles kennenlernen und ich verspreche dir, das nächste Mal klappt das mit den Spaghetti besser. Ich habe dich auch nicht ausgelacht, aber du hattest einen Spaghettibart im Gesicht und das sah sehr lustig aus. Dank dir und deinem Spaghettiabenteuer konnte ich herzlich lachen und du hast mir meine Nacht versüßt. Dafür bekommst du Morgen frei und kannst dich nach deiner Wäsche in der Waschkiste ausruhen.“
Die Aussicht auf die Waschkiste erfreute mich nicht, doch es ist auch schön, wenn man einen Geist oder auch einen Menschen zum Lachen bringen kann und er dann nicht mehr traurig ist.
Ich denke, das ist mir heute gelungen und so bringt mein Ungeschick einem anderen Glück!
