Es war so weit, die erste Nacht im Friedberger Schloß und die erste Nacht meiner Lehrzeit.
Nachdem ich endlich wieder weiß und sauber aus der Waschkiste gekommen bin, war ich Punkt Mitternacht vor dem Schlosstor und klopfte an.
Es dauerte ein kleines bißchen und dann öffnete das alte Schlossgespenst Ludwig die knarrende Türe.
Der kleine, dickliche, aber imposante Ludwig sagte: „Da bist du ja endlich kleiner Fridolin, ich freue mich. Herzlich willkommen!“ Ich freute mich auch und Ludwig meinte weiter: „komm schnell herein, wir haben viel Arbeit, denn die Nacht ist kurz!“.
Er führte mich in einen dunklen Gewölbekeller, zündete mehrere Fackeln an und erklärte mir meine Aufgaben: „So, lieber Fridolin hier mußt du einen richtigen Geisterkeller einrichten, mit allem Pi Pa Po!“ Ich muß ziemlich dumm geschaut haben, denn diesen Pi Pa Po kannte ich nicht. Ich fragte Ludwig, wer das wohl sei, und er meinte: „das ist keine Person oder Geist, sondern ein Begriff für all das, was in einen Gewölbekeller gehört. Zum Beispiel: heute werden wir unsere Spinnweben erstellen lassen und du mußt unsere angestellten Spinnen anweisen, wo sie diese anzubringen haben.“ „Lieber Ludwig, wo sind denn die Angestellten?“ Ludwig öffnete eine Hintertüre des Gewölbekellers und eine ziemlich dicke Spinne krabbelte aus dem Zimmer auf mich zu. Naja, ich mag Spinnen ja eigentlich nicht sehr, aber die erschien mir ganz freundlich. Sie blieb vor mir stehen und sagte mit einer sehr hellen, fast piepsigen Stimme: „Hallo Fridolin, ich bin Kunigunde, freut mich, dich kennenzulernen. Wir haben schon viel von dir gehört. Lass uns gleich anfangen, meine Weberinnen warten schon.“ Ich wußte zwar nicht, wer diese Weberinnen sein sollten und was die tun, doch ich ließ mich überraschen. Ich hörte einen weiteren Pfeifton und da marschierten viel kleine Weberinnen, also weitere Spinnen……in Zweierreihen an mir vorbei und blieben plötzlich stehen.
Ich schaute Ludwig fragend an und meinte: „Ist das jetzt Pi und was machen Kunigunde und ihre Weberinnen jetzt?“ Ludwig lachte und sagte: „na gut, nennen wir das mal Pi und Kunigunde ist die Chefin der Weberinnen. Du zeigst auf die Stellen, an denen die Weberinnen die Netze anzuweben haben und Kunigunde sieht zu, dass alles richtig wird. Jetzt hast du bis 3 Uhr morgens Zeit. Ich verlasse dich jetzt für heute und hoffe du kommst zurecht! Bis Morgen, lieber Fridolin!“
Da schwebte ich jetzt hin und her zwischen Kunigunde und den Weberinnen. Es machte großen Spaß, den Weberinnen zuzusehen, wie sie emsig arbeiteten. Ich wollte mir so ein Netz mal näher ansehen und schwebte direkt drauf zu. Zack, hing ich auch schon drin. Ich hatte lauter klebrige Fäden in meinem Geisterfell und ein Auge war zugeklebt. Immer wenn ich einen Faden wegwischen wollte, klebte er an einer anderen Stelle fest. Mann oh Mann, das war peinlich. Alle lachten, aber Kunigunde tröstete mich. Sie meinte: „Denk dir nichts, Fridolin, das passiert jedem Geist einmal!“
Da war ich erleichtert. Ich sah mich um und war begeistert. Die Weberinnen hatten sehr schnell und gut gearbeitet. Spinnennetze sehen toll aus. Sie glitzerten im Fackelschein und bewegten sich im Luftzug wie kleine Segel. Ich konnte gar nicht mehr verstehen, dass die Mama von Moritz keine Spinnen mochte und die Netze immer wegputzte.
Wir alle waren sehr zufrieden mit unserer Arbeit und auch rechtschaffen müde. Die Weberinnen waren bereits in ihre Wohnung gekrabbelt und Kunigunde kam zu mir. Ich hatte mich vor lauter Müdigkeit auf den Boden gesetzt und sie tätschelte mich mit einem Beinchen und meinte: „Gut gemacht, kleiner Fridolin! Wir sehen uns Morgen! Gute Nacht!“ Ich freute mich sehr über das Lob und machte mich ziemlich müde schwebend auf den Heimweg. Zuhause kam ich am Spiegel vorbei und sah noch die Spinnenfäden und den Schmutz an mir kleben. Ich hatte zwar ein schlechtes Gewissen wegen des Schmutzes, ich wußte auch schon, dass mir ein paar Runden in der Waschkiste bevorstanden, doch ich war soooo müde, dass ich mich einfach zu Moritz ins Bett legte und sofort einschlief.
