Kettenrasseln (Die Geisterlehre – Kapitel 3)

Heute Morgen bin ich mal knapp an der Waschkiste vorbeigekommen. Als Moritz Mama meinen kleinen Menschen aufgeweckt hatte und mich gesehen hatte, mit Spinnweben verziert und Staubflecken übersät, hatte sie anscheinend keine Zeit für meine Wäsche in der Waschkiste. Aber wenn ihr glaubt, ich wäre an einer Reinigung vorbeigekommen, dann täuscht ihr euch. Im Gegenteil!
Während Moritz sein Frühstück zu sich nahm, packte mich die Mama an meinem Geisterschopf, legte mich auf das Waschbecken und holte ein Gerät aus dem Schrank, das mich das Fürchten lehrte. Sie nannte es Staubsauger. Sie steckte den Stecker in die Steckdose, packte mich, trat auf einen Schalter und ein gräßliches Geräusch heulte durch das Zimmer. Sie hatte den Schlauch in der Hand und fuhr mit diesem über mein Fell. Es war, als ob mir jedes Haar ausgerissen würde. Die Geräusche dieses Staubfressers waren schlimmer als das unangenehme Reißen an meinem Fell. Einmal hatte ich den Verdacht, dass mich dieses Höllengerät einsaugen würde, doch das verhinderte Moritz Mama. Schließlich waren alle Spinnweben und auch die Staubschicht wieder entfernt und ich landete in Moritz Arm. Moritz Mama meinte: „also weißt du Moritz, ich kann mir einfach nicht vorstellen, was du mit dem kleinen Kerlchen alles machst! Jeden Tag ist er schmutzig. Pass ein bisschen besser auf ihn auf!“ Moritz nickte und sagte nichts. War auch besser so, dachte ich schmunzelnd.
Als Moritz vom Kindergarten nachhause kam, spielten wir zusammen und er erzählte mir, was so den ganzen Vormittag los war. Nachdem das kleine Plappermäulchen redete und redete, schlief ich ein. Gut, dass ich mit offenen Augen schlafen kann, so fiel es Moritz nicht auf und ich konnte Schlaf nachholen. Schließlich mußte ich ja um Mitternacht wieder in die Arbeit.
Abends brachten Moritz Eltern uns wieder ins Bett, beteten mit uns und nach dem Gutenachtkuss meinte Moritz Mama: „schlaf schön kleiner Moritz und pass schön auf, dass sich Fridolin nicht wieder so schmutzig macht, träum was Schönes. Wir haben dich lieb und Fridolin natürlich auch!“
Moritz nahm mich in den Arm und schlief ziemlich bald ein. Ich lag lange wach, beobachtete das lächelnde, schlafende Gesicht meines Lieblingsmenschen und war rundherum glücklich. Ich hatte eine liebe Familie und die Aussicht, dass ich ein Schlossgespenst würde. Ich zuckte zusammen. Ohje es wurde aber jetzt Zeit, mich auf den Weg ins Schloss zu machen. Herrichten mußte ich mich ja heute nicht mehr, nach der Prozedur mit dem brüllenden Höllengerät namens Staubsauger. Sauberkeit kann sehr schmerzhaft sein, dachte ich mir.
Jetzt aber los! Kurz darauf stand ich vor dem Schlosstor. Ich klopfte und Ludwig öffnete die Türe.
Freudig begrüßte er mich und zog mich sofort in den Gewölbekeller, um mir den nächsten Auftrag zu erteilen. Ich fragte Ludwig, ob er mit der Erledigung von Auftrag Pi zufrieden war. Er schaute mich verständnislos an, fing dann an zu lachen und meinte: „das hast du sehr gut gemacht. Kunigunde hat mir erzählt, wie fleißig du warst!“ „Also“, meinte er: „jetzt machen wir Pa!“ und lachte.
Ich war sehr gespannt, was Pa wohl werden würde.
Ludwig führte mich zu einem Tisch. Dort lagen jede Menge Ketten. Kleinere und größere, dickere und dünnere. „Siehst du Fridolin, mit diesen Ketten machen sich Geister bemerkbar. Manchmal rasseln wir mit ihnen, manchmal hängen wir Dinge daran auf, aber das Wichtigste ist, dass sie sauber sind und glänzen. Das ist heute deine Aufgabe. Du musst alle Ketten polieren bis sie glänzen.“Er reichte mir eine Unmenge alter Stofffetzen und eine Paste. Das erinnerte mich an die Creme, mit der ich mein Fell glätten wollte. Das war ein unangenehmer Gedanke. Nachdem ich nicht wieder in die Waschkiste oder unter das brüllende Höllengerät Staubsauger wollte, bat ich Ludwig um Rat.
„Lieber Ludwig, gibt es eine Möglichkeit, dass ich mich nicht dreckig mache? Gestern war ich voll Spinnweben und Staub. Ich möchte nicht, dass mein Moritz immer verdächtigt wird, er würde mich schmutzig machen. Kannst du mir da etwas raten?“
Ludwig nahm den kleinen Fridolin in den Arm und sagte: „lieber Fridolin, ich bin glücklich dich ausgesucht zu haben. Du hast ein gutes Herz und Verantwortungsgefühl. Selbstverständlich können wir etwas gegen den Schmutz tun. Warte einen Moment!“ Ludwig ging in ein Nebenzimmer und kehrte schnell zurück. Er hatte eine Geisterschürze und Geisterhandschuhe auf dem Arm. „Schau kleiner Fridolin, das ziehst du über und die Handschuhe streifst über deine kleinen Geisterhände. So kannst du arbeiten, ohne dich schmutzig zu machen!“ Ich war begeistert und schlüpfte sofort in beides hinein. Jetzt freute ich mich noch mehr auf die Arbeit und vor allem auf meine Menschenfamilie, denen ich keine Schmutzsorgen mehr machen mußte. Ich war glücklich. Jetzt machte ich mich an die Säuberung der Ketten. Das war gar nicht so einfach und ich wollte Ludwig aber nicht fragen, wie ich das bewerkstelligen sollte. Plötzlich kam eine kleine Maus, die sich vor mir aufstellte und sagte: „Hallo Fridolin, ich bin Morty. Ich bin aus England eingewandert und Ludwig hat mir eine Heimat geboten. Ich habe schon von dir gehört und würde dir gerne helfen.“ Ich war ebenso erstaunt, wie erfreut. Ich sagte: „Hallo Morty, schön dich kennenzulernen. Kennst du dich hier aus?“
Morty meinte: „Klar, auch wenn man es mir nicht ansieht, ich bin eine Geistermaus und ich weiß viel, was ein kleiner Geist lernen muß! Das mit den Ketten bekommen wir zwei schon hin. Mit meinem langen Schwanz nehme ich ein Tuch und tauche es in die Paste. Ich streiche die Ketten dann ein, du läßt es antrocknen, nimmst ein anderes Tuch und polierst die Paste weg. Was glaubst du, wie diese Ketten glänzen werden! Wir Engländer sind da sehr erfahren“ Ich war entzückt und so machten wir es. Wir hatten lustige Gespräche. Irgendwann sagte Morty: „Wie wäre es mit einer Tasse englischem Tee? Man muß auch mal Pause machen!“ Ich hatte keine Ahnung, was denn englischer Tee war, lies mich dann aber auf dieses Abenteuer ein.
Morty lief kurz ins Nebenzimmer und kam kurz darauf mit Tassen an seinem Schwanz zurück. Er stellte sie auf den Boden und tat Papiersäckchen hinein. Er nahm heißes Wasser aus einer Kanne und goß es auf die Papierbeutelchen. Das roch etwas seltsam, doch es schmeckte erstaunlich gut. „Danke Morty“, sagte ich und ließ mir den Tee schmecken. Morty erzählte mir ein bißchen aus seiner Heimat.
„Da, wo ich herkomme, lieber Fridolin, gibt es viele Schlösser und jedes hat seinen Geist oder auch mehrere!“ „Das ist ja toll, darüber würde ich gerne mehr wissen, doch jetzt muß ich zu meinem kleinen Menschen, denn die Sonne geht bald auf und wenn Moritz aufsteht und ich nicht da bin, würde er sich um mich ängstigen! Danke für den Tee, lieber Morty und das interessante Gespräch. Ja, natürlich auch win großes Dankeschön für deine Hilfe beim Polieren der Ketten!“
Ich schwebte durch die Türe, winkte Morty nochmals und machte mich in Richtung Heimat auf. Ich kuschelte mich zu Moritz ins Bett und war dankbar, dass ich heute durch das Tragen einer Schürze und der Handschuhe nicht schmutzig war. Ach, ist das schön warm und bequem in Moritz Bettchen. Ich war dankbar, als Moritz sich umdrehte und mich schlafend in den Arm nahm und drückte.
Gute Nacht mein liebes Menschenkind!